Das Handauflegen ist eine der ältesten Behandlungsmethoden der Menschheit. Höhlenmalereien in den Pyrenäen deuten darauf hin, dass Menschen schon vor 15 000 Jahren diese Methode zur Heilung nutzten. Zeugnisse für heilende Hände finden sich in Schriften sämtlicher Hochkulturen der Erde. Auch Jesus von Nazareth heilte vorwiegend durch Handauflegen. Sogar im Alltag wenden wir das unbewusst an und berühren instinktiv eine schmerzende Stelle unseres Körpers mit unseren Händen. Mütter tun das ganz intuitiv bei ihren Kindern, um Trost zu spenden und die Heilung zu fördern.
Aber wie kann eine alte Geste der Zuwendung, das Berühren mit den Händen, die tiefen Schichten des Bewusstseins erreichen und Heilung bringen? Angeregt durch die Bücher "Das Geheimnis der Heilung" von Joachim Faulstich und "Wie Heilung geschieht" von Renée Bonanomi möchte ich hier gern näher auf dieses Thema eingehen.
Berührung als Urerfahrung
Berühren und Berührtwerden sind die Urerfahrung jedes Menschen und deshalb bestimmend für das ganze Leben. So erlebt schon der Fötus im Mutterleib einen Wechsel aus Beidem, wenn er an die begrenzende Wand der Gebärmutter stößt. Noch kann er sich nicht als Individuum wahrnehmen, noch fühlt er sich mit der Welt eins. Und in dieser, seiner Welt hat alles seine Ordnung, herrscht Sicherheit, Geborgenheit, aber vor allem Liebe. Dieses Gefühl der All-Einheit, das der Embryo im Mutterleib erlebt, wird das "ozeanische Bewusstsein" genannt. Es gibt nur das Ganze, weil die Vorstellung eines Teils nicht einmal denkbar ist.
Mit der Geburt erfährt der Säugling seine erste Trennung. Zwar kann er durch den Körperkontakt mit der Mutter Vertrauen gewinnen, aber unbewusst wird er sein ganzes Leben nach dem Gefühl des Einsseins suchen, weil er die Erinnerung daran in sich trägt. Nachdem er sich zunächst noch mit der Mutter identifiziert, beginnt er sich schließlich als eigenes Individuum wahrzunehmen und seinen Körper als getrennt von den umgebenden Lebewesen und Dingen zu sehen. In dieser frühen Phase verstärkt sich das Gefühl der Trennung durch Situationen des Alleinseins und der Gewalt, später durch Abwertung, Verlust oder weil man den Bezug zu sich selbst verloren hat. Weil er die Trennung von der Ganzheit spürt, möchte sich der Mensch durch das Äußere finden und definieren. Er sucht im Außen was er schon immer in sich trägt - Liebe, Anerkennung, Geborgenheit, Halt, Dankbarkeit - und macht sich somit von der Außenwelt abhängig. Solange er das nicht erkennt, hat die Suche und damit der Konflikt kein Ende. Krankheit ist immer ein Hilferuf der Seele, nach Innen zu gehen, um dort den Ausgleich der existierenden Defizite und Beschränkungen zu suchen.
Krankheit kann man also auch als ein "Herausgefallensein aus der Ordnung" bezeichnen, und heilende Berührung vermag offenbar wieder zusammenzufügen, was im Begriff ist, auseinanderzufallen, indem sie an das früheste Erlebnis des Einssein erinnert und noch dazu Nähe und Geborgenheit vermittelt. Dies kann jedoch nur geschehen, wenn der Heiler seinen Halt in sich selbst gefunden hat. Er trägt die Energie der Liebe in sich und ist somit mit der größten Kraft verbunden, die Heilung und Veränderung bewirken kann. Er weiß, dass alles Leben vollkommen ist, dass hinter allem was geschieht, ein tieferer Sinn liegt und begegnet seinen Klienten mit diesem Wissen. Wenn der Heiler aus der Sicht der Einheit behandelt, kann auch der Klient allmählich begreifen, dass er Teil des Ganzen ist und sich langsam von eigenen Erwartungen und Vorstellungen befreien. Er erfährt, wer er wirklich ist und kann so die göttliche Schöpfung in sich leben.
“Wahrhafte Heilung ist, um es mit einem einfachen Satz zu umschreiben: Die Menschen von ihren Erwartungen und Vorstellungen zu befreien, damit sie in sich ihre eigene göttliche Größe finden können.”
Berührung ist Liebe
Berührung vermittelt uns ein Gefühl für die Beschaffenheit der Welt. Wir fühlen die Wärme der Sonne auf unserer Haut, spüren den Wind, der uns ins Gesicht bläst und den Boden unter unseren Füßen. Aber Berührung ist auch ein grundlegendes Mittel menschlicher Kommunikation. Sei es wenn Eltern das erste Mal ihr Kind berühren und es willkommen heißen in dieser Welt oder wenn wir einem Menschen Trost spenden und ihn in die Arme nehmen. Paare berühren sich, um ihre Liebe zueinander auszudrücken. Berührung schafft Nähe und Vertrauen. Ein Heiler, der die Energie der Liebe in sich trägt, lässt diese zum Klienten fließen. Und so langsam wie die Liebe wieder in ihm wächst, wächst und verändert sich auch das Bewusstsein. Heilung kann niemals von außen geschehen. Sie ist immer ein Bewusstwerden darüber, dass der Schlüssel für die Lösung aller Probleme im Inneren eines jeden von uns liegt.
Wissenschaftliche Studien
Verschiedene wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass Berührung heilsam und lebensverlängernd wirkt.
Wenn die Haut den Kontakt einer Hand spürt, können sich in ihren unteren Schichten biochemische Reaktionen zeigen. Wissenschaftler der State University in New York konnten in einer Versuchsreihe die Bildung von Stickstoffmonoxid nachweisen, ein Botenstoff, der nicht nur die Durchblutung verbessert, sondern auch entzündungshemmend wirkt. Das würde nicht nur das Gefühl der Wärme erklären, die während einer Behandlung an den berührten Stellen entsteht, sondern wäre außerdem ein Indiz dafür, dass Wunden schneller heilen.
Dr. Bernard Grad von der McGill University in Montreal fand heraus, dass die Wunden von Labormäusen, die mit heilender Berührung behandelt wurden, schneller heilten, als vergleichbare Wunden von Mäusen, die eine solche Behandlung nicht erhielten. (Grad, Bernard: "The Influence of an Unorthodox Method of Wound Healing in Mice", International Journal of Parapsychology, Spring 1961, S. 5-24) Außerdem stellte er fest, dass mit Berührung behandelte Pflanzen schneller und kräftiger wuchsen und mehr Chlorophyll produzierten als Pflanzen ohne eine solche Behandlung. (Grad, Bernard: "Some Biological Effects of Laying On of Hands: A Review of Experiments with Animals and Plants", Journal of the American Society for Psychical Research 59/2 (1965), S. 95-127)
Dr. Dolores Krieger, Begründern von Therapeutic Touch, konnte eine Erhöhung der Hämoglobinkonzentration - des roten Blutfarbstoffs, der für den Sauerstofftransport zuständig ist - bei Patienten feststellen, die mit Berührung behandelt wurden. Da Hämoglobin wesentlich für das Leben an sich und den Heilungsprozess ist, lässt dieses Ergebnis darauf schließen, dass Handauflegen die Selbstheilungskräfte des Körpers stärkt. (Krieger, Dolores: "Therapeutic Touch: Searching for Evidence of Physiological Change", American Journal of Nursing 5 (1975), S. 600-602)
Bereits im Jahr 1987 berichtete Dr. Janet Quinn von einer signifikanten Verbesserung der Immunabwehr bei Testpersonen, die heilende Berührung erhielten. ("One Nurse's Evolution as a Healer": American Journal of Nursing, (1979), S. 662-664)
Eine große Zahl wissenschaftlicher Studien führte die schwedische Ärztin und Professorin für Physiologie Kerstin Uvnäs-Moberg durch, nachdem sie die Bedeutung von Oxytocin entdeckte. Ursprünglich war dieses Hormon nur als Stillhormon bekannt. Messungen zeigten, dass bei stillenden Frauen die Berührung der Brust durch ihr Baby eine starke Ausschüttung von Oxytocin zur Folge hatte. Ein Hormon, dass nicht nur beruhigend sondern auch stimmungsaufhellend wirkt und Ängste reduziert. Inzwischen konnte festgestellt werden, dass Berührung eine erhöhte Produktion von Oxytocin anregt und damit die Ausschüttung von Stresshormonen bremst.
Andere Studien zeigten, dass Patienten während der Behandlung Alphawellen im Gehirn produzieren, was sonst auch in meditativen Zuständen geschieht. Solch tiefe Entspannungszustände wirken sich allgemein positiv auf das Immunsystem aus. Sei es durch eine verbesserte Atmung, Stressverminderung, ein besseres hormonelles Gleichgewicht, erhöhte Darmtätigkeit und eine Abnahme des Cholesterinspiegels.
Tiffany Field von der Medizinischen Hochschule der University of Miami fand heraus, dass die Gewichtszunahme bei Frühgeborenen um 50% schneller war, wenn sie dreimal am Tag für jeweils 15 Minuten Streicheleinheiten erhielten. Die Babys waren zudem ausgeglichener, aktiver und benötigten weniger Tage auf der Intensivstation als diejenigen ohne zusätzlichen Körperkontakt. Aufgrund dieser Studien wird die Therapie durch Berührung heute in 40% aller Intensivstationen in den USA standardmäßig angewandt.
Joachim Faulstich beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit Themen der Bewusstseinsforschung und der Komplementärmedizin. Er ist Autor und Regisseur wissenschaftlicher Fernsehdokumentationen und Buchautor. Seine Filme "Rätselhafte Heilung" (ARD 2006) und "Das Geheimnis der Heilung" (ARD 2010) machten die bahnbrechenden Erkenntnisse der Mind-Body-Medizin einem Millionenpublikum bekannt.
Renée Bonanomi, die bedeutendste geistige Heilerin der Schweiz, beschreibt in ihren Büchern mit faszinierender Klarheit die geistigen Gesetze des Heilens. Sie räumt mit vielen Illusionen auf dem Feld des Heilens auf und gibt dem Einzelnen seine Eigenverantwortung am Heilungsgeschehen zurück. Nicht der Heiler heilt, sondern die Heilung geschieht durch inneres Erwachen. In Seminaren gibt sie ihre Wissen über Medialität und Geistheilung weiter.